Stellt euch vor, ihr könntet keinen Schritt mehr unbeaufsichtigt setzen. Überall hängen Kameras, die eure Wege genauestens aufzeichnen und analysieren, egal, ob ihr beim Einkaufen seid oder einfach nur über die Ampel geht. Erinnert alles stark an „Minority Report“, nicht wahr? Zukunftsmusik? Keines Falls! Die entsprechende Technik gibt es bereits und nicht nur das: Nun soll sie auch zum Einsatz kommen! Wo? In Leon, einer der größten Städte Mexikos.Kürzlich bestätigte das auf Biometrie spezialisierte Unternehmen Global Rainmakers Inc. (GRI), einen Pakt mit Leon geschlossen zu haben. Schon bald wird die Irisscan-Technologie der Firma in Massen vom Stapel laufen, um besagtes Zielobjekt zu einer der „sichersten Städte der Welt“ zu machen, so GRI. Keine leichte Aufgabe bei einer Population von über einer Million Einwohner. Man wolle so der vorherrschenden Kriminalität in der Stadt Paroli bieten.
Aber wie soll das Ganze nun funktionieren? Zunächst müssen überall in der Stadt Irisscanner angebracht werden. Über eine Irisdatenbank sollen dann zukünftig diverse Identitäten verwaltbar sein. Kriminelle, egal welchen Ausmaßes, können sich nicht aussuchen, ob sie an diesem „Programm“ teilnehmen, oder nicht. Mit dem ersten Strafakteneintrag folgt nun auch eine Speicherung der Iris. Alle rechtschaffenden Bürger dürfen (noch?) selbst entscheiden, ob sie ihre Augen zur Speicherung in den Scanner halten oder nicht.
Wie auch immer, wer einmal in der Datenbank drin ist, kann sich nun darüber „freuen“, dass jeder seine Schritte überwacht wird. Egal, ob beim Einkaufen, Busfahren, Geld abheben oder über die Straße gehen. Das Projekt soll in zwei Phasen realisiert werden.
Phase I umfasst die Scannerausstattung von Gerichtsgebäuden, Polizeistationen, Gefängnissen und Sicherheits-Check-Points, kostet wohl etwas weniger als 5 Millionen Dollar und soll möglichst umgehend realisiert werden. Phase II, die innerhalb der nächsten drei Jahre umgesetzt werden soll, konzentriert sich mehr auf Gewerbliches, wie Banken, Kaufhäuser etc., aber auch medizinische Einrichtungen, Massentransportmittel, öffentliche Plätze und — wozu interessanter Weise gar nicht großartig Stellung genommen wurde — einige „private locations“, was auch immer das nun bedeuten mag.
Scanner kommen bei dieser Form der Überwachung in unterschiedlichsten Modellen daher. Das Spektrum reicht dabei vom großen HBOX-Scanner, der etwa 50 Augenpaare die Minute checken, bis hin zum vergleichsweise dezenten EyeSwipe Mini, der die Iris von ca. 15 bis 30 Menschen pro Minute scannt.

Neben der „erhöhten Sicherheit“ ist so ein „Menschen-Tracking“ sicherlich nicht zuletzt für Marktforschungs- und Werbezwecke unheimlich interessant. Zwar gibt es auch bei derzeitigen Smartphones und ihren Apps schon die Möglichkeit entsprechend meiner geografischen Position etc. mit Profil gemäßen Werbeanzeigen- und Einkaufvorschlägen versorgt zu werden, allerdings habe ich hier idealerweise immer noch die Möglichkeit, das Gerät einfach abzuschalten und somit zumindest temporär eine vertiefte Datensammlung und -analyse zu meiner Identität zu blocken. Bin ich aber einmal in der Irisdatenbank erfasst, dann bin ich ihr im wahrsten Sinne des Wortes ausgeliefert.
Natürlich hat Jeff Carter, GRI’s Chief Business Development Officer, Recht, wenn er sagt, dass bereits heute ein Großteil unseres Lebens aus Überwachung besteht, schaut man sich nur mal das Internet an. Aber müssen wir deswegen denn unbedingt einen ziemlich dramatischen Schritt weitergehen? Möchte ich wirklich überall auf der Welt von einer Maschine mit meinem Namen begrüßt werden wollen, nur weil ich meine Iris mal zu lang ins Licht gehalten habe?
Carter hat zur Verbreitung dieser Technik eine Vision:
"In the future, whether it's entering your home, opening your car, entering your workspace, getting a pharmacy prescription refilled, or having your medical records pulled up, everything will come off that unique key that is your iris […]Every person, place, and thing on this planet will be connected [to the iris system] within the next 10 years […]In ten years, you may just have one sensor that is literally able to identify hundreds of people in motion at a distance and determine their geo-location and their intent” (Carter in einem Interview mit Austin Carr)
Ich persönlich weiß nicht, wie es in 10 Jahren bei uns wohl aussehen mag. Vielleicht dauert es auch um einiges länger, bis sich diese Technologie vollends durchsetzt. Tatsächlich befürchte ich aber, dass bald niemand mehr danach fragen wird, ob sich das Ganze umsetzen lässt. Vielmehr wird man sich gezielt auf die Suche nach einem „Wann“ begeben.


Kommentare
ich hoffe mal das es bei uns sowas nie geben wird.
da kommt doch gleich der grundgedanke von schäuble in augenschein!
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