
Wer sich einmal Foren zum Online-Spielgiganten „World of Warcraft“ ansieht, der weiß, wie heiß das Thema „Lokalisierung von Software“ bisweilen diskutiert wird. Soll etwa „Stormrage“ wirklich mit „Sturmgrimm“ übersetzt werden oder ist „wütender Sturm“ doch die bessere Variante? Die teilweise sehr emotional geführten Diskussionen beweisen: Man muss ausgesprochen sensibel vorgehen, wenn man Software an einen neuen Kultur- und Sprachraum anpasst. In solchen Fällen sind Übersetzer ebenso gefragt wie Programmierer und Designer. Die Lokalisierung von Software verursacht Zusatzkosten, aber sie erschließt auch neue Märkte. Wird die Software dank guter Lokalisierung im neuen Zielmarkt angenommen, so steigt die Zahl potenzieller Kunden schnell um einige Millionen. Das könnte den Aufwand wert sein, sofern man etwa kulturelle Anforderungen an Text, Bilder und Softwaredesign beachtet.
Unterschieden werden müssen bei der Adaption einer Software an ausländische Märkte die Prozesse der Internationalisierung und der Lokalisierung.
- Internationalisierung bedeutet, eine Software von Anfang an so zu konzipieren, dass relativ einfach Versionen für unterschiedliche Länder produziert werden können. Sie wird auch I18N abgekürzt, weil beim englischen Wort „internationalization“ achtzehn Buchstaben zwischen dem „I“ und dem „N“ liegen. Für Programmierer bedeutet Internationalisierung der Software beispielsweise, Texte nicht starr in den Code einzubinden, sondern über Variablen. Internationalisierung ist ein einmaliger Vorgang und sollte – falls Versionen für verschiedene Länder geplant sind – direkt zu Beginn der Realisierung einer Software berücksichtigt werden.
- Lokalisierung ist dann die konkrete Umsetzung der Software in eine für den Zielmarkt taugliche Version. Sie kann für ein- und dieselbe Software mehrfach nötig werden, wenn man die Software auf Märkte unterschiedliche Länder herausbringen möchte. Abgekürzt wird sie als L10N. Wer hier Fehler macht, senkt die Marktchancen seiner Software teils deutlich.
Die folgenden fünf Tipps sollen helfen, Fehler bei der Lokalisierung zu vermeiden:
1) Der Übersetzer und der Kontext
Übersetzer, die an der Lokalisierung einer Software mitwirken, benötigen mehr als nur die zu übersetzenden Wörter, Begriffe und Sätze. Sie müssen wissen, in welchem Kontext das von ihnen Übersetzte eingebunden wird. Nimmt man etwa das Wort „Entwicklung“, das ins Chinesische übersetzt werden soll, so stößt man auf zwei Schriftzeichen mit unterschiedlicher Bedeutung: Das eine steht für Entwicklung im Sinne von Wachstum, das andere für die Entwicklung von Fotos. Hier die falsche Variante zu wählen, für zu vielleicht witzig klingenden, aber unprofessionell wirkenden Fehlern. Ein anderes Beispiel: Ist mit dem Wort „Gummi“ vielleicht der Radiergummi gemeint, der im britischen Englisch „rubber“ und im amerikanischen Englisch „eraser“ heißt, während „rubber“ dort umgangssprachlich für „Kondom“ steht? Oder ist mit dem deutschen Wort „Gummi“ tatsächlich das Kondom und nicht der Radiergummi gemeint? Ein Übersetzer wird das ohne Blick auf den Kontext, in den das jeweilige Wort in der Software eingebunden ist, nicht entscheiden können.2) Textlänge
Das Wort „Copy“ ist relativ kurz, das Wort „Einfügen“ schon deutlich länger. Fließt also beispielsweise Text über eine Variable in ein Textfeld der Software ein, kann es bei übersetztem Text bisweilen zu Platzproblemen kommen: etwa, weil etwa der Platz auf Buttons nicht ausreicht. Nun ist das Wort „Copy“ vielleicht nicht das Problem, weil es in vielen Ländern verstanden wird. Ein anderer Text schafft da schon mehr Komplikationen. Übersetzt man beispielsweise ins Französische oder Italienische, so wird der Text schnell länger als die deutsche Variante, während die tschechische Übersetzung deutlich kürzer ist. Hier muss dann entweder das Design angepasst werden oder aber der Übersetzer muss den Text passend kürzen, ohne dass er an wichtigem Inhalt verliert.
3) 12/31/2010 und 31/12/2010
Unterschiedliche Länder haben unterschiedliche Maße und Darstellungsformen von Zahlen oder Datumsangaben. Während etwa Deutsche das Datum vom letzten Tag des Jahres „31/12/2010“ schreiben, wählen Briten die Variante „12/31/2010“ und Japaner 2010/12/31“. Manch einer mag solche Unterschiede als zu vernachlässigende Kleinigkeit empfinden, aber sie sind es nicht. Je mehr man mit seiner Software von gewohnten Darstellungsformen abweicht, desto mehr sinkt die Benutzerfreundlichkeit einer Software. Ähnliches gilt beispielsweise bei Längenangaben: Wer als Deutscher in einer für den deutschen Markt lokalisierten Variante einer US-amerikanischen Software auf Längenangaben wie „inch“ und „feet“ trifft, wird vermutlich etwas irritiert sein. Man möchte bei derartigen Angaben auf Gewohntes stoßen, sich nicht erst umstellen oder umrechnen müssen. Softwareentwickler sollten sich daher auf die Formate und Maße des jeweiligen Landes einstellen.
4) Missverständnisse ODER die Sache mit dem Daumen
Ein Icon mit hoch gestrecktem Daumen in einer Software signalisiert für einen Deutschen im Allgemeinen Zustimmung. Solch ein Icon könnte also etwa in einer Lernsoftware einer deutschen Zielgruppe signalisieren, dass der jeweilige Nutzer eine Aufgabe richtig gelöst hat. Australier deuten den hoch gestreckten Daumen allerdings eher als unsanfte Aufforderung, sich besser zu verziehen. Das zeigt: Dargestellte Gesten, Bilder und Piktogramme in einer Software mögen in der einen Kultur eine relativ eindeutige Aussage haben, werden in der anderen Kultur aber möglicherweise komplett anders gedeutet. Darauf sollte man achten. Ein weiteres Beispiel: Wer etwa in manchen arabischen Kulturen seinem Gegenüber die Fußsohle zeigt, beleidigt ihn schwer. Ein entsprechendes Bild in einer Software dürfte die Marktchancen in diesem Kulturkreis also deutlich senken.
5) Was gar nicht geht!
Jedes Land hat seine ganz eigenen Tabus und eventuell dazu passende rechtliche Vorschriften. Beispiel für Deutschland ist das Hakenkreuz, das hier aus verständlichen Gründen tabuisiert wird. Ganz andere Gründe hat das Tabu eines bestimmten Grüntons beim Softwaredesign in vielen arabischen Ländern, da dieses Grün religiösen Inhalten vorbehalten ist. Und in China sollte man etwas aufpassen, wenn es um das Thema Taiwan geht. Wer solche Tabus nicht berücksichtigt, bekommt Probleme oder ihm wird der Zutritt zum Markt sogar verwehrt.
Letztlich zeigen diese Beispiele: Auch abseits rein programmiertechnischer Aufgaben bei der Internationalisierung einer Software, gibt es viele potenzielle Fehlerquellen, die eine erfolgreiche Vermarktung einer Software in einem fremden Land be- oder gar verhindern können. Und der intensive Blick auf die Kultur, für die man die Software produziert wird umso wichtiger, je mehr textliche und bildliche Inhalte verwendet werden. Entwickler sollten daran denken, wenn sie Auslandsmärkte im Blick haben.
Über den Autor: Christian Arno ist der Gründer von Lingo24, einem Übersetzungsunternehmen, das sich auf Website-Lokalisierung spezialisiert.


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