Ich möchte diesen Artikel mit einem Haftungsausschluss eröffnen. Meine Meinungen zum folgenden Thema sind nur das, Meinungen. Meinungen, die ich mir durch Beobachtungen und Interaktionen mit der chinesischen Kultur in meinem kurzen zweijährigen Aufenthalt in der Henan-Provinz in Zentralchina gebildet habe.Ich habe nie östliche oder westliche Kulturen, Soziologie oder interkultureller Kommunikation oder was auch immer studiert. Ausserdem werde ich die Begriffe "chinesisch" und "östlich" austauschen. Ich erkenne an, dass meine Verallgemeinerungen genau das sind, Verallgemeinerungen. Beispielsweise wurde Japan stark durch den Westen (und umgekehrt) beeinflusst, so viele unserer Affinitäten bezüglich Design und anderer Aspekte überschneiden sich.
So fing alles an
Nach meiner Ankunft in China im Sommer 2005 dauerte es nicht allzu lange, bis ich einige der feineren kulturellen Unterschiede zwischen China und dem Westen bemerkte. Sicher sind da die offensichtlichen Unterschiede wie Sprache, Aussehen, Regierungsphilosophie usw. Aber was nach einer gewissen Zeit hervortrat waren die unterschwelligen Unterschiede wie der Sinn für Humor, Interessen und künstlerische Vorlieben.
Ich konnte beispielsweise einfach keine chinesische Webseite finden, die für mich optisch ansprechend gestaltet war. Aus reiner Neugier fragte ich herum und stellte eine Liste von Webseiten zusammen, die Chinesen oft aufrufen und dachte diese wären attraktiv / nützlich.
Ich schätze, wenn ich diese Frage dem normalen Websurfer im Westen gestellt hätte, würde ich wohl eine Liste optisch nicht so ansprechender Seiten erhalten (Hust-Facebook-Hust-Amazon-Hust). Vielleicht hätte ich unterschiedliche Rückmeldungen erhalten, wenn ich diese Frage chinesischen Webdesignern gestellt hätte. So oder so: Die Antworten die ich von Chinesen erhielt, waren Seiten wie die folgenden:
Baidu (China’s Google)
Alibaba (China’s eBay)
QQ (China’s AIM/Google Talk)
Ren Ren (China’s Facebook)
Sina (China’s Yahoo)
Mit Ausnahme von baidu.com (das unverfroren das Design von Google kopiert hat) und renren.com (was doch recht stark wie Facebook aussieht) scheinen die meisten chinesischen Seiten nach denselben Aspekten gestaltet zu sein: einer skurrilen Anzahl von Zeichen (z.B. Text) mit entweder unpassender Verwendung von Grafiken oder der vollständigen Abwesenheit dieser. Ich war verwirrt. Wie kann das funktionieren? Wie können Chinesen diese ganzen Daten konsumieren, filtern und entscheiden, was sie wollen und was nicht? Warum akzeptieren sie diese Tatsache als Standard?
Darüberhinaus sind mehrere, zeitgleiche Animationen, Popups, Overlays, Slider usw. für chinesische scheinbar normal Seiten. Regelmässig werden viele als schlecht bekannte Designpraktiken umgesetzt, die westliche Designer unter allen Umständen vermeiden. Ich fühlte mich ehrlich gesagt ins Jahr 1995 zurückversetzt.
Meine Reaktion
Natürlich habe ich mir als hochtrabender Westler gedacht,
Oh, das ist ein Schwellenland und sie haben einfach noch nicht unser Niveau.Nun, das kann gut sein. Ich glaube in gewisser Weise ist es wahr, dass Design und künstlerische Vorlieben sich mit der Zeit und längerer Exposition entwickeln. Beispielsweise würde ich mir persönlich wohl kein Bild im Renaissancestil in mein Wohnzimmer hängen, wenn ich aber in dieser Zeit gelebt hätte, wäre mein Haus sicherlich voll davon. Als Kultur haben sich unsere Vorlieben entwickelt. Vielleicht befindet sich China momentan genau an diesem Punkt in der Designevolution.
Eine andere Möglichkeit (und meine eigene Theorie) ist, dass Erziehung die Natur übertrumpft hat und die Vorlieben im chinesischen Webdesign durch Erziehung und kulturelle Einflüsse anstatt von längerer Exposition und natürlicher künstlerischer Evolution geformt werden. Natürlich ist die künstlerische Evolution in der kulturellen Erziehung verwurzelt, aber mein Argument ist, dass die Präferenzen im chinesischen Webdesign während sie sich entwickeln und weiterentwickeln, nicht zur Aufholjagd mit westlichem Webdesign startet. Stattdessen schlägt es einen eigenen Kurs ein und orientiert sich dabei hauptsächlich an der östlichen Kultur und wird nur geringfügig durch den Westen mit IA-Grundkonzepten beeinflusst.Warum habe ich diese Theorie entwickelt
Ich verbrachte die meiste Zeit in China in der Universität, in der ich unterrichtet habe. Während dieser Zeit fiel mir auf, dass sich chinesische Studenten damit zufrieden geben Informationen auswendig zu lernen, ohne diese notwendigerweise auch zu verstehen. Sie dachten sich, dass sie noch den Rest ihres Lebens vor sich haben, um über die erlernten Informationen nachzudenken und diese zu begreifen und dass sie für die Analyse dieser jetzt keine Zeit verschwenden wollen. Doch schon recht verschieden von den Ansichten an unseren westlichen Universitäten. Oder?
Ich glaube dieser kleine Einblick in das Lernverhalten der Chinesen, ist vielleicht auch ein Schlüssel wie die meisten Chinesen Webseiten lesen und mit den darin enthaltenen Informationen umgehen. Wir Westler verlangen und erwarten Erleuchtung, einen "Ahha"-Moment, Verständnis, sogar Unterhaltung (auch wenn das vielleicht nicht der Zweck der Webseite ist). Die Menschen im Osten ticken da anders. Sie erfassen zuerst die Daten und setzen sich später damit auseinander. Die Voraussetzung für meine Theorie ist, dass sich Chinesen beim Betrachten einer Webseite in einer Art Aufnahmemodus befinden. Es geht lediglich um die "Speicherung" der Seite im Gehirn und nicht annähernd, um die Interaktion, Reaktion oder das Verständnis.
Ein weiterer Aspekt chinesischer Kultur, der mit der Zeit zu meiner Frustration offensichtlich wurde, ist die Tatsache, dass Chinesen extrem indirekt sind. Im Gegensatz zu Westlern fühlen sich Chinesen sehr unwohl, wenn man direkt auf den Punkt kommt. Man könnte ein Gespräch zwischen Chinesen als eine Art Tanz bezeichnen. Für Menschen aus dem Westen kann das extrem frustrierend und verwirrend sein, aber für Chinesen ist dies einfach die akzeptabelste Art und Weise der Kommunikation. Ich glaube, man braucht nicht viel Fantasie, um dieses Verhalten auf den Umgang mit einer Webseite zu übertragen. Ein präziser, knapper Aufruf zum Handeln passt einfach nicht in die chinesische Kultur.
Bleiben wir in der WirklichkeitUm der transparente Realist zu bleiben, der ich bin, hier nun ein paar Punkte die meine Empfindungen und Verständnisse zusammenfassen:
- Das bedeutet nun nicht gleich, dass ich chinesisches Webdesign schön finde. Für mich, stinkt es immer noch nach dem westlichen Design von 1995. Und auch wenn 1995 Designpraktiken zu dieser Zeit tolerierbar waren, sind sie jetzt objektiv schlecht und sollten überarbeitet werden.
- Ich glaube nicht, dass chinesisches Webdesign mit den aktuellen Trends der westlichen Welt aufschliessen sollte oder kann…
- Ausserdem, bin ich davon überzeugt, dass der Zeitachse für künstlerische Präferenzen nicht linear über Zeit und Kulturen verläuft und dass alle Kulturen nicht die gleichen Punkte durchlaufen. China ist auf seinem evolutionären Weg und der Westen auf seinem eigenen.
- Wir können und sollten schätzen, dass unsere Kulturen verschieden sind, aber wir sollten (zumindest aktuell) keine Musterlösungen im Webdesign definieren.


Kommentare
Super Artikel, gefällt mir sehr gut! Habe mich auch schon immer gefragt, warum die Asiaten das so unübersichtlich mögen. Wir werden es wohl nie verstehen. MFG HD
vielen Dank.
Ich fand die Ideen sehr interessant. Allerdings scheinen Länder wie Indonesien und Malaysia trotzdem vollkommen anderer Sprache, Kultur und Mentalität auch einen gewissen Hang zu Wortanhäufungen auf Webseiten zu haben.
Die in den Screenshots gezeigten Farben sind für die Augen von uns Westeuropäern ja noch einigermaßen zahm. In einem Buch über chinesisches Design (also Design von Gebrauchsgegenständen etc., nicht Webdesign) habe ich wesentlich grellere Farben und wildere Farbzusammenstellungen gesehen.
Vermutlich werden umgekehrt die asiatischen Völker unsere geringe Farbfreudigkeit in Form von tristen Graublau-Tönen oder Ton-in-Ton-Farbgebungen als fürchterlich empfinden.
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