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Google Chefprogrammierer muss für die Datenpanne geradestehen

Alan Eustace ist der Chef aller Google-Programmierer und hat nun für die erste große Datenpanne geradezustehen. Eustace, der im Unternehmen die Position des Senior Vice President of Engineering and Research bekleidet, hat bei Google die schier unüberschaubare Zahl kleiner Teams zu koordinieren, die parallel an verschiedensten Projekten arbeiten. Diese Strategie, viele kleine Task-Forces für unterschiedliche Projekte zu installieren und diese parallel arbeiten zu lassen, gilt als ein Stützpfeiler dafür, dass Google sein hohes Innovationstempo über ein ganzes Jahrzehnt halten konnte. Jetzt wird aber genau dieses System für die Datenpanne verantwortlich gemacht.

Google Chefprogrammierer muss für die Datenpanne geradestehen
Alan Eustace

Wir erinnern uns: Vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass Google jahrelang mit seinen Street-View-Autos nicht nur die Adressen der lokalen Funknetze erfasst hatte, sondern weitere Nutzdaten unrechtmäßig empfangen und gespeichert hatte (siehe den Artikel: Google speicherte "versehentlich" persönliche Nutzerdaten mit seinen Kamerawagen).

Google hat durch diesen Vorfall definitiv ein Glaubwürdigkeitsproblem. Dass die Aufzeichnung von Nutzdaten durch die Kamerawagen lediglich ein Fehler war wird angezweifelt. So kritisierte auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar Googles Erklärung, die Panne sei versehentlich geschehen, als "höchst ungewöhnlich". Schaar formulierten weiter: "Eines der größten Unternehmen der Welt, der Weltmarktführer im Internetbereich, hat die ganz normalen Regeln bei Entwicklung und Einsatz von Software nicht beachtet."

Google Chefprogrammierer muss für die Datenpanne geradestehen
Peter Schaar

Der Fehler ist Mitarbeitern von Google aufgefallen, nachdem man sich mit einem detaillierten Fragenkatalog des Hamburger Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar auseinandergesetzt hatte. Nach Angabe von Schaar hat Google diesen Fragenkatalog jedoch noch immer nicht beantwortet. Zudem war dem Datenschutzbeauftragten ein Kamerawagen vorgeführt worden, bei dem die Festplatte ausgebaut war. Schaar kommentierte dieses Verhalten wie folgt: "So etwas habe ich in meiner langen Zeit als Datenschutzbeauftragter bei keinem seriösen Unternehmen erlebt."

Google Chefprogrammierer muss für die Datenpanne geradestehen
Johannes Caspar

Ob es sich bei dem Vorfall um einen Unfall oder um pure Absicht handelt darf weiterhin heftig diskutiert werden. Viele Personen sind der Meinung, dass solche Pannen versehentlich nicht passieren können und es sich folglich um Absicht handeln müsse. Ein Programm kann nicht einfach Nutzdaten aus einem offenen Netzwerk empfangen und sichern. Zudem wird Google schon seit langem eine schiere Informationswut attestiert.
Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass Software üblicherweise modular aufgebaut ist. Das bedeutet, dass ein vollständiges Programm aus unterschiedlichen Modulen aufgebaut ist, die nicht notwendigerweise für jeden Anwendungszweck speziell entwickelt werden. Der Inhalt und die Funktionsweise eines solchen Moduls müssen dem Programmierer, der es verwendet, auch nicht bekannt sein (Black-Box-Prinzip). Somit kann es tatsächlich passieren dass ein Modul verwendet wird, das neben der SSID und der Mac-Adresse auch dummerweis Nutzdaten speichert.

Wenn in diesem Fall tatsächlich ein Versehen vorliegt, schmälert es kaum die Tragweite dieses Skandals. Somit hätten 20.000 Google Mitarbeiter diesen Fehler in den vergangenen Jahren trotz fester Vorschriften und Datenschutzbeauftragten nicht erkannt. Auch die unbewusste Erfassung der Daten bedeutet einen großen Schaden für die Reputation des Unternehmens. Bei Datenschützern hat Google mittlerweile sowieso einen Ruf als "Datenkrake", die möglichst viele Daten sammelt und miteinander verknüpft. Dennoch stand Google auch in dem Ruf, diese Datenmenge professionell zu behandeln. Dieser Ruf, für den Eustace auch seit 8 Jahren steht, hat nun deutlich Schaden genommen.

Die primäre Aufgabe von Eustace wird nun sein, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen. Die bislang von Google verwendete, typisch amerikanische Taktik, Beiträge im Blog des Unternehmens zu posten wird in Europa und gerade in Deutschland vermutlich nicht funktionieren. Der Datenschutz hat hier einen weitaus größeren Stellenwert als in den USA. Das zeigt sich schon alleine daran, dass sich in Amerika kein Politiker über die Affäre chauffierte, hingegen am Wochenende in Deutschland zwei Bundesministerinnen auf die Barrikaden stiegen. Die Anti-Google-Bewegung in Deutschland, die das Unternehmen derzeit erfährt, wurde besonders durch die Tatsache geschürt, dass es Fragen eines deutschen Datenschützers waren, die das unerlaubte Erfassen der Daten ans Licht brachten.

Google ist damit gut beraten, den introvertierten Eustace nach Europa zu schicken, um die Wogen zu glätten. Eustace hält sich häufig im Google-Entwicklungszentrum in Zürich auf und kennt daher die Wichtigkeit des Datenschutzes für die Europäer. Intern, so heißt es, betont er stets die Bedeutung des Datenschutzes und wirkt damit überhaupt nicht typisch amerikanisch, denen man gerne einen laxen Umgang mit dem Datenschutz nachsagt. Im Unternehmensblog schrieb Eustace: "Wir sind uns bewusst, dass wir hier versagt haben. Es tut uns sehr leid."

Google hat das Problem, seine rund 35 Mio. Nutzer in Deutschland nicht fest an sich gebunden zu haben. Zwar gelang es Google bisher mit seinem Leistungsvorsprung die Nutzer an sich zu binden, wenn sich jedoch die Stimmung gegen Google wandelt, können Nutzer beispielsweise auch sehr leicht andere Suchmaschinen nutzen oder andere Programme zum Navigieren verwenden. Bei diesem Worst-Case- Szenario wäre dann die gute Arbeit von Eustace der letzten Jahre nur noch wenig wert.
452 Mal gelesen
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19. Mai 2010, 20:42

Kommentare

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michabbb 19. Mai 2010, 21:02

böses google, bööööse. was soll die ganze aufregung? tag täglich passiert es und tag täglich werden offene netze ausgenutzt — statt google (ja weil sie die grössten sind) auf die finger zu hauen, sollte man lieber aufklärung betreiben und den leuten die hier jammern erklären, wie sie ihre netze sicher machen. und der witz ist ja: selbst WPA2 kann heute von erfahrenen nutzern (leicht) geknackt werden. na wenigstens werden die datenschützer nicht arbeitslos: vielleicht etwas mehr aufklären als ständig möglichkeiten zu suchen, andere vor gericht zu zerren.

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dent 19. Mai 2010, 21:14

Google stand in letzter Zeit sowieso im Kreuzverhör, sei es wegen Streetview oder den Diskussionen bzgl. der Autorenrechte. Der neueste Schlag mit den WLAN Daten bildet nur die Spitze des Eisbergs, den auch der Chefprogrammierer nicht so leicht wett machen kann.

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downtown 19. Mai 2010, 22:39

Ich muss schon langsam den Leuten Recht geben, die meinen Google sei das neue Microsoft. Aber nicht was die Produktqualität und Unternehmenpolitik angeht, sondern wie es in den europäischen Medien ständig gehetzt wird. Ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien, aber es riecht hier förmlich nach geplanten Kampagne. Vielleicht hören wir bald von einer neuen europaeigenen Suchmaschine ;)

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Klener 20. Mai 2010, 13:43

Wäre Google Apple, dann würde ich sagen, dass das alles zu einer Marketing-Kampagne gehört, aber da dies nicht so ist ist es wohl nicht so geplant gewesen. ;)
Das Vertrauen zu Google ist jetzt natürlich geschwächt, aber es ist dennoch besser als zu manch anderen Unternehmen…

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nik 23. Mai 2010, 13:44

Ja, bei Apple könnte man das vermuten, aber nach alldem was in letzter Zeit eh schon mit Google los ist, können die sich sowas nicht erlauben.

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dent 26. Mai 2010, 14:21

Gehetzt wird viel das stimmt. Gerade lokale Medien rufen die Leute zum Protest gegen Street View auf, dennoch ist Google wirklich zu einer Großmacht geworden die Datenhungriger denn je ist. Dass sie damit in gewisser Weise vertraulich umgehen, denke ich auch, nur machen sie definitv auch ihren gigantischen Umsatz und Gewinn mit Hilfe unserer Daten. Man muss es also schon kritisch sehen.

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downtown 26. Mai 2010, 14:43

Es ist witzig, dass jetzt alle "plötzlich" die Augen geöffnet haben, genau wie bei Facebook. Als ob es schon vor Anfang an unklar war, dass es kein uneigennütziger Verein ist, sondern ein Unternehmen, das (gut) wirtschaftet. Die Daten haben sie schon immer gesammelt und werden es weiter tun. Das ist der Kern ihres alltäglichen Geschäfts. Die jenigen, die Google so hoch gepriesen haben, und Microsoft als das Böse überhaupt bezeichnet haben, sind entweder dumm oder blind. Beide verdienen Geld und werden ihre Macht allein für eigene Zwecke ausnutzen.

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downtown 26. Mai 2010, 14:47

Hier noch ein Interview mit Stallman über Google, Facebook und Freiheit.


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